„20 Jahre 9/11 – Wie erinnern wir den Tag des Terrors?“

„20 Jahre 9/11 – Wie erinnern wir den Tag des Terrors?“
26.11.21
Dörte Ilsabe Dennemann

Im Begleitprogramm zur Ausstellung MINDBOMBS waren im September die Journalistinnen Julie von Kessel und Sonja Zekri in der Kunsthalle zu Gast. Julie von Kessel war am 11. September 2001 als ZDF Reporterin am World Trade Center im Einsatz. 2020 veröffentlichte sie ihren Roman „Als der Himmel fiel“. Sonja Zekri ist seit 2020 Kulturkorrespondentin der Süddeutschen Zeitung. Sie hat mehrfach zur Frage „Was ist Terrorismus?“ über die Wirkung von politischer Gewalt und terroristischen Akten für gesellschaftliche Prozesse sowie über die Veränderungen des Feuilletons seit 9/11 geschrieben. Im Gespräch diskutierten sie gemeinsam mit Kommunikationswissenschaftler Dr. Stephan Weichert über die Live-Übertragung der Terroranschläge und die anschließende Rezeption.

 

Julia von Kessel, Auszug aus "Als der Himmel fiel"

Kyrill und Steve hockten auf dem Sofa unter dem „Go East“-Graffiti und rauchten, während sie immer wieder auf einen kleinen Fernseher starrten, den Lucius aufgetrieben und in die Ecke gestellt hatte. Seit Stunden liefen dieselben Bilder: Der Explosionspilz am Südturm, der Rauch, der aus den Kratern quoll, der Einsturz.

Neben ihnen saß eine ältere Frau mit kurzen, roten Haaren, einer Brille und feinen Gesichtszügen. Es war Rose, wie Franka von Lucius erfuhr, die Miniatur-Malerin aus Virginia, die eigentlich nur zufällig in der Stadt war und nun nicht mehr wusste, wie sie nach Hause kommen sollte. Auch Janos, der Hausmeister, war da, er war kurz vor zehn in der Galerie vorbei gekommen, um nach ihnen zu sehen, und geblieben. Seine Familie lebte in Polen, er hatte niemanden sonst in der Stadt. Auch er rauchte, nachdem er den Rauchmelder untauglich gemacht hatte, sah hin und wieder auf den Bildschirm und schüttelte den Kopf.

Keiner hörte richtig zu.

Kyrill sprang nervös auf. „We’re fucked.“ Er und Steve stiegen wieder die Treppe hinauf aufs Dach, um erneut die Realität mit der Fernseh-Wirklichkeit abzugleichen. Doch dort war weniger erkennbar als bei CNN, die Südspitze Manhattans war jetzt vollkommen eingehüllt in den gelblich-grauen Qualm, der über den Trümmern hing und den auch der Wind nicht wegzuwehen vermochte, er saß wie eine Glocke über der Insel.

Franka blieb unten. Nach dem Schock draußen hatte sie genug gesehen. Sie wollte erst einmal die Galerie nicht verlassen. Der Geruch hing ihr immer noch in der Nase, geschmolzenes Asbest, Kerosin, und dann etwas Süßliches, das sie sich nur als das verbrannte Menschenfleisch vorstellen konnte. Immer wieder wusch sie sich das Gesicht und putzte sich die Nase, doch sie wurde ihn nicht los. Vor dem Fenster liefen immer noch Menschen verwirrt über die Straße, verängstigt, entsetzt.

Franka zog die Jalousien zu.

Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Das Telefon funktionierte nicht. Die Bilder waren nicht geliefert worden, und sie würden auch nicht mehr kommen. Man konnte die Stadt nur noch zu Fuß verlassen, sie waren abgeschnitten von der Welt. Im Fernsehen sprachen die Moderatoren darüber, wie groß die Flugzeuge waren, wie viel Kerosin in ihre Tanks passte, sie rechneten die Wucht des Aufpralls aus, der grafisch noch einmal verdeutlicht wurde.

 

Sonja Zekri zum Begriff "Terrorismus"

Der Terror hatte nicht immer einen schlechten Ruf. In der Französischen Revolution galt er dem Wohlfahrtsausschuss als nötig, um der Tugend zu ihrem Recht zu verhelfen und die Bürger zu schützen und, ja, auch die Demokratie. Lenin bekannte sich früh zum Terror als politischem Instrument. Der „Rote Terror“ sollte die Bourgeoisie als Klasse vernichten, die Gerichte sollten den Terror legitimieren. Die frisch gebackenen Sowjetmenschen reagierten mit kreativen neuen Mädchennamen: „Granata“ beispielsweise oder eben „Terrora“.

Heute nennt sich niemand mehr gern Terrorist. Terrorismus ist eine Zuschreibung von anderen, eines Staates, der Sicherheitsapparate, der Geheimdienste. Die kurdische PKK, die palästinensische Hamas, die libanesische Hisbollah mögen in den Dossiers des Westens Terrorgruppen sein. Für die Mehrzahl der Kurden, Palästinenser, Libanesen sind sie Widerstandskämpfer, die einem Staat entgegentreten, der Unrecht verübt.

„Terrorismus“ ist ein performativer Begriff. Die Beschreibung selbst ist eine Handlung, die gewaltige Dynamiken in Gang setzen kann. So dient er vielen Herren. Für Diktaturen ist „Terrorismus“ eine erprobte Rechtfertigung, um Bürgerrechte mit Füßen zu treten, für Demokratien eine ständige Versuchung. Kein Geheimdienst der Welt kann darauf verzichten, den Terrorismusbegriff möglichst weit und möglichst wolkig auszulegen.

20 Jahre nach dem 11. September gibt es schlechte Nachrichten für Dschihadisten. Sie haben ihr Ziel nicht erreicht, haben die verhassten westlichen Demokratien nicht in die Knie gezwungen, haben freie Gesellschaften nicht in den Aufstand gebombt. Welchen Schaden hingegen der Anti-„Terror“-Kampf angerichtet hat, zeigt sich erst nach und nach. Das Tabu der Folter wurde gebrochen, die Rechtsstaatlichkeit geschwächt, im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus wurden Länder wie Afghanistan angegriffen, die die westlichen Truppen im August 2021 hastig, kopflos, skrupellos wieder aufgaben.

Westeuropa, zumal Deutschland hat lange Jahre des Friedens hinter sich und in dieser Zeit die Sprache der Gewalt auf beneidenswerte Weise verlernt. Anschläge, Angriffe mit Messern, Autos, Bomben, selbst jene, die von den eigenen Staatsbürgern verübt wurden, werden oft mit den Kategorien des Unbegreiflichen beschrieben, als „unfassbar“ oder „krank“. Diese Trennung zwischen „Denen“ und „Uns“ tröstet über den Schock der Tat hinweg, über die Trauer und die Ohnmacht. Aber es ist ein trügerischer Trost. Denn die Trennung gibt es längst nicht mehr. Entsorgen wir den Begriff des „Terrorismus“ am besten einfach mit.