Die Kunsthalle Mannheim widmet ab dem 13.11.20 einem der berühmtesten deutschen Nachkriegskünstler eine große Sonderausstellung: Anselm Kiefer

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Anselm Kiefer, Palmsonntag, 2007, Sammlung Grothe in der Kunsthalle Mannheim, Foto: Charles Duprat, © Anselm Kiefer
Die Kunsthalle Mannheim widmet ab dem 13.11.20 einem der berühmtesten deutschen Nachkriegskünstler eine große Sonderausstellung: Anselm Kiefer
20.10.20
Anne-Sophie

Neuneinhalb Meter hoch und fast drei Tonnen schwer, dominiert das Werk „Sefiroth“ das Atrium der Kunsthalle Mannheim. Eine zerklüftete Landschaft – bestehend aus dick aufgetragenen Farbschichten, Erde, Blei und Steinen, die an Metalldrähten über der Fläche schweben – bildet einen dunklen Kontrast zu dem sonst lichtdurchfluteten, weißen Raum. Der Künstler hinter diesem kolossalen Werk ist Anselm Kiefer. Ab 13. November würdigt die Kunsthalle den berühmten Künstler in einer großen Sonderausstellung, die über vier Räume und zwei Etagen hinweg Skulpturen und Gemälde aus 30 Jahren zusammenträgt.

 

Meisterwerke aus drei Schaffensphasen

Die Ausstellung verbindet drei entscheidende Werkgruppen miteinander: Von frühen Arbeiten wie „Die Große Fracht“ (1981/1996) mit appliziertem Bleiflugzeug über die 14 Meter große Installation „Palmsonntag“ (2007), die zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wird, bis zu der raumgreifenden Skulptur „Der verlorene Buchstabe“ (2011-2017) werden monumentale Bilder und Skulpturen präsentiert. Durch die großen, offenen Räume des 2018 eröffneten Neubaus der Kunsthalle können die zum Teil überdimensionalen Arbeiten Kiefers ihre volle Wirkungskraft entfalten.

Nicht nur durch ihre reine Größe, auch durch ihre haptische Materialität – die Lieblingswerkstoffe des Künstlers sind Asche und Blei – sind die Werke von Anselm Kiefer überwältigend. Seine in aufwändigen Arbeitsprozessen entstehenden Skulpturen und Gemälde setzt Anselm Kiefer zusätzlich den Elementen, wie Wind, Wasser und Feuer oder sogar der Elektrolyse aus, sodass die Patina der Natur auf den Werkoberflächen sichtbar wird.

Anselm Kiefer (*1945) erlangte große Bekanntheit, indem er die Tabus der deutschen Nachkriegszeit offensiv anging. Seit seinem Umzug nach Frankreich 1993, wo er bis heute lebt und arbeitet, widmet er sich verstärkt der Verbindung von jüdischer und christlicher Religion, den Mythen und mystischen Lehren der Weltkulturen sowie den Medien der Erinnerungskultur.

 

Gott und Staat

In seinen frühen, den internationalen Erfolg prägenden Jahren, lebte Anselm Kiefer in Buchen und Höpfingen im Odenwald. In dieser Frühphase zwischen 1971 bis 1993 schuf er in seinen Ateliers Werke wie „Lilith“, „Shebirat Ha Kelim“, „Die Große Fracht“ oder „Leviathan (Volkszählung)“, bevor er dauerhaft nach Frankreich übersiedelte. Die Kunstwerke dieser Konstellation bilden das erste Kapitel der Ausstellung. Die Werke thematisieren neben der schweren Materialität – Blei wird hier neben organischen Objekten wie Pflanzen auf dem Bild befestigt – Motive des Alten Testaments und der jüdisch-christlichen Kulturgeschichte. Außerdem markiert die Installation „Volkszählung (Leviathan)“ aus einem drei Tonnen schweren Stahlcontainer mit Bleifahnen und darin eingepressten Erbsen Kiefers kritische Haltung gegenüber dem Kontrollanspruch des deutschen Staates, dessen Verwaltung 1987 eine Volkszählung anordnete, der sich der Künstler zusammen mit einer landesweiten Protestbewegung widersetzte.

 

Mann und Frau

Im zweiten Raum der Ausstellung sind Werke mit Bezug zum Geschlechterverhältnis präsentiert. Das Bild „Am Anfang“ zeigt den weiten Blick auf die Brandung einer rauen See. Davor hängt in der Mitte eine schmale Leiter, in die kleine Schwarzweißfotos eingearbeitet sind. Auf den Fotos, die vom Künstler selbst stammen, sind Landschaften mit Türmen zu sehen. Es handelt sich dabei um Anselm Kiefers „Himmelspaläste“, Turmskulpturen im französischen Barjac, wo er bis 2008 auf einem drei Hektar großen Areal arbeitete. Das Werk verbindet die Schöpfungsgeschichte mit der Idee einer Beziehung zwischen Himmel und Erde. Die Leiter, die den Bildraum teilt, erinnert außerdem daran, wie Flucht und Vertreibung seit jeher das Schicksal der Menschheit und besonders das Judentum prägen. Dazu stehen die beiden Skulpturen aus der Werkgruppe „Frauen der Antike“ passend als Zeichen der Selbstermächtigung und Weisheit im Raum. Mit dem Bleibuchobjekt „20 Jahre Einsamkeit“ bezieht sich Kiefer auf eigene Sehnsüchte und nimmt das Motiv des Buches als Behältnis für das Konzept von kultureller Überlieferung.

 

Tod und Stille

Im dritten Raum ist die raumgreifende Installation „Palmsonntag“ zusammen mit zwei großformatigen Gemälden präsentiert. Kiefer spannt damit erneut den Bogen vom Alten ins Neue Testament und rückt damit die kulturhistorische Macht jenes Moments in den Ausstellungsraum, als laut Überlieferung Jesus in Jerusalem einreitet. Die Palme liegt als Ganzes quer im Raum und ist umgeben von einem Bilderfries aus getrockneten und mit Gips überarbeiteten Pflanzenteilen. Die Installation des Baumes erinnert zugleich an das liegende Kreuz und damit an die Idee der Auferstehung. Auch in „Hortus Conclusus“ hat sich Kiefer getrockneter Pflanzen als Material bedient. Die Arbeit steht für einen Ort der Stille, ein Nachdenken über die Sinnhaftigkeit des Lebens. Das Werk steht in Bezug zu „Schwarze Flocken“, mit dem der Künstler Paul Celan würdigt. Der jüdische Dichter hat in seinem Werk den Holocaust zu einem zentralen Thema gemacht, weshalb er auf die künstlerische Arbeit von Anselm Kiefer besonders großen Einfluss genommen hat.

 

Himmel und Erde

Über die Sonderausstellung hinaus sind in den hohen Räumen des zweiten Obergeschosses der Kunsthalle zwei Gemälde und eine raumhohe Skulptur zu sehen, die für die Geschichte der Menschheit und ihrer Überlieferung über Schrift und Bücher stehen. Bleibücher und mit Harz konservierte Sonnenblumen bilden die Arbeit „Der verlorene Buchstabe“. Das Werk ist der Kunst des Buchdrucks gewidmet. Demgegenüber stellt Kiefer mit „Der fruchtbare Halbmond“ einen weiteren Bezug zum Ursprung der menschlichen Zivilisation her. Dazu kommt „Jaipur“: Der Werktitel ist von der Hauptstadt der indischen Region Rajashtan inspiriert, während das Bild ein weit verzweigtes Sternenbild am Himmel des Universums zeigt. In diesem Raum des Museums werden permanent Werke aus der Kiefer-Sammlung Grothe in der Kunsthalle Mannheim gezeigt.

 

Die Sammlung Grothe

Alle Werke der Sonderausstellung stammen aus der Sammlung des im Mai 2019 verstorbenen Hans Grothe, der eine der weltweit größten Sammlungen mit Werken von Anselm Kiefer zusammengetragen hat.