Fülle, Zufall, Neugier – das Schaudepot der Kunsthalle

Foto: Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl

Foto: Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Fülle, Zufall, Neugier – das Schaudepot der Kunsthalle
14.05.21
Inge Herold

Mit der Eröffnung des Neubaus der Kunsthalle Mannheim im Jahr 2018 wurde neben den Sammlungs- und Ausstellungsräumen auch ein Raum eingerichtet, der nicht den üblichen Präsentationsformen folgt: das Schaudepot. Einer Wunderkammer gleich erzählt der Raum von den Kernaufgaben, die die Gesellschaft den Museen übertragen hat: sammeln und bewahren, ordnen und zeigen. Bekanntlich kann immer nur der kleinste Teil des Kunstbestandes in den Sammlungsräumen präsentiert werden und immerhin umfasst die Sammlung der Kunsthalle Mannheim rund 2.300 Gemälde, 860 Skulpturen und Installationen, 34.000 Grafiken und 800 Objekte der angewandten Kunst.

Im Gegenzug zu den nach Themen kuratierten Räumen des Alt- und Neubaus füllt sich das Schaudepot der Kunsthalle also als „Stauraum“ nach anderen Ordnungsmustern. Hier geht es darum, auf kleinster Fläche möglichst viele Werke für Besichtigung und Erforschung zugänglich zu machen – ohne Rücksicht auf Bedeutung, Epoche, Stil und Thema. Berühmte Namen erscheinen neben längst vergessenen oder gänzlich unbekannten, internationale Namen neben denen aus der Region. An den Wänden hängen die Gemälde auf Metallgittern, in der Raummitte ragt das sogenannte Schwerlastregal in die Höhe und beherbergt in verschiedenen Fächern unterschiedlichste Skulpturen, etwa eine Versammlung von Porträtköpfen. So werden hier Werke zu Nachbarn, die in einem Ausstellungsraum vermutlich nie miteinander konfrontiert worden wären. Dadurch ergeben sich irritierende, aber auch bisweilen sehr fruchtbare Bezüge und Dialoge, die vom Zufall geprägt sind. Das Bestreben der BesucherInnen, Sinn- oder Formzusammenhänge herzustellen, wird hier ad absurdum geführt oder regt viel mehr zu vergleichendem Sehen an.

Deutlich wird auch, wie vielfältig und heterogen letztlich eine Museumssammlung ist, geprägt über Jahrzehnte von unterschiedlichen Interessen und Akzentsetzungen, aber auch finanziellen Möglichkeiten. Auch Schenkungen und Dauerleihgaben – etwa des Förderkreises –  sind darunter. Und wir sehen auch Werke, die konservatorisch in keinem guten Zustand sind, die Paten suchen, welche uns helfen, eine Restaurierung zu ermöglichen. Denn auch das ist eine wichtige Museumsaufgabe: Das uns anvertraute Museums- und Kulturgut für künftige Generationen zu erhalten und zu pflegen – eine Aufgabe, die leider oft in den Hintergrund tritt.

Die Reaktion unserer Museumsgäste auf das Schaudepot ist sehr unterschiedlich: Viele sind begeistert und fühlen sich inspiriert, andere fühlen sich von der Dichte ästhetisch überfordert.  Schauen Sie selbst, sobald wir wieder geöffnet haben, und lassen Sie sich auf den Raum ein, Entdeckungen sind garantiert!

Übrigens: Eine Reise wert ist der Besuch des 2020 eröffneten Depots des Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Hier findet sich in aufregender Architektur das erste riesige Schaudepot der Welt, das Zugang zur kompletten Sammlung eines Museums mit ca. 151.000 Kunstwerken bietet.

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