James Ensor und die deutschen Künstler

Erich Heckel: James Ensor (Zweite Fassung), 1930, Museum Ludwig, Köln

Erich Heckel: James Ensor (Zweite Fassung), 1930, Museum Ludwig, Köln
James Ensor und die deutschen Künstler
27.08.21
Inge Herold

Unter den deutschen Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden sich einige, die den belgischen Kollegen James Ensor sehr schätzten. Neben Erich Heckel sind vor allem George Grosz, Paul Klee, Emil Nolde und Felix Nussbaum zu nennen.

Emil Nolde (1867-1956) war einer der ersten deutschen Künstler, der während einer Belgien-Reise im Januar 1911 Ensor in Ostende persönlich besuchte. In seiner autobiografischen Schrift Jahre der Kämpfe schilderte er die Begegnung: „Im städtischen Museum (von Brüssel) suchten wir nach Radierungen von Ensor, in einem großen grauen Raum. Wir fanden keine. Er galt damals noch nichts in seinem Land. Es fügte sich, dass wir einige Tage danach ihn selbst trafen, den feinen phantastischen Künstler, wir saßen uns gegenüber, die Augen sich verstehend, nur sprechen konnten wir Maler miteinander nicht.“ Wie Ensor interessierte sich Nolde für exotische Artefakte und Masken, studierte und zeichnete sie im Völkerkunde-Museum Berlin und begann sie auch zu sammeln. Seit 1911 stellte er auch Masken mehrfach in seinen Bildern dar. Es liegt nahe zu vermuten, dass ihm der Besuch bei Ensor einen wesentlichen Impuls dazu gab. Während bei Ensor die Masken jedoch sowohl seiner Phantasie entsprangen als auch dem Kontext des Karnevals zugehörten, handelte es sich bei Nolde häufig um Masken außereuropäischer Herkunft.  

Ein anderer Künstler, der sich schon 1913 mit Ensor auseinandersetzte, war George Grosz (1893-1959). 1917 ließ Grosz Ensors Masken vor dem Tod (1888) in der Februar/März-Nummer der von ihm und John Heartfield herausgegebenen Zeitschrift Neue Jugend abbilden. Ensor erscheint damit in einem Kontext, der Dadaismus, die Revolte des Frühexpressionismus, politische pazifistische Anliegen und zeitgenössische Lyrik miteinander verband. Grosz verstand sich selbst als Herold der Kunst Ensors, von einer persönlichen Begegnung der beiden ist jedoch nichts bekannt.

Im Ersten Weltkrieg bildete sich um den Kunsthistoriker Walter Kaesbach (1879-1961) in Flandern eine Kolonie von deutschen Künstlern, für die Ensor zu einer wichtigen Figur werden sollte – weniger im Hinblick auf direkte künstlerische Adaptionen, umso mehr jedoch als Impulsgeber und Gesprächspartner. Nicht zu unterschätzen ist der Aspekt, dass dieser Kreis in Deutschland zu Multiplikatoren im Hinblick auf Ensors Kunst wurde. Wie sehr Ensor von den Begegnungen profitierte, ist leider durch schriftliche Dokumente nicht belegt, jedoch gibt es in Werk und Leben der deutschen Künstler diverse Zeugnisse. Kaesbach war 1914 als leitender Zugführer einer Sanitätseinheit in Belgien zum Einsatz gekommen, zunächst in Roeselaere, dann in Ostende. Er nutzte seinen Einfluss beim Roten Kreuz, um mit ihm befreundete Künstler vor dem Einsatz an der Front zu bewahren und stattdessen Verwundete in die Kriegslazarette in Brügge, Gent und Brüssel zu transportieren. Zu dem engen Kreis um Kaesbach zählten Erich Heckel, Anton Kerschbaumer, Max Kaus und Otto Herbig. Inmitten des Kriegsgeschehens entstand ein „künstlerisches und kameradschaftliches Miteinander“, so Kaesbach im Rückblick. Man fand Zeit zum Arbeiten und so oft es möglich war, studierte man die Kunstschätze in Brügge, Gent und Brüssel. Zu Ensor als dem wichtigsten Vertreter der belgischen Kunst entstanden bald enge Kontakte. Man traf sich, diskutierte, tauschte und kaufte Werke, es entstanden Freundschaften.

Besonders Erich Heckels (1883-1970) Beziehung zu Ensor war komplex: Er war Sammler, Förderer und Bewunderer zugleich, wenngleich sein Werk weder formal noch inhaltlich Spuren Ensors zeigt. In seinem Nachlass finden sich Radierungen mit freundschaftlichen Widmungen Ensors. Heckel bemühte sich außerdem darum, Ensors Werke an deutsche Sammlerinnen und Sammler zu vermitteln oder ihm Aufträge zu verschaffen. Jahre später, 1924, unternahm Heckel eine Belgien-Reise und stattete auch Ensor wieder einen Besuch ab. Anschließend porträtierte er ihn aus der Erinnerung. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gemälde zeigte Ensor in Bild füllender Halbfigur als würdevollen Herrn in einer Straßenflucht Ostendes, rechts ein Schaufenster mit seinen Werken. Bereits 1930 wiederholte Heckel das Motiv in vergleichbarem realistischem Stil, wobei die Figur nun weniger Raum einnahm und Ensors selbstbewusste Haltung einem eher fragenden Ausdruck Platz machte. Dieses Gemälde gelangte 1948 in die Sammlung Haubrich in Köln (Abb.). Beide Gemälde zeugen von Heckels Bewunderung für den belgischen Meister, sie sind repräsentatives Porträt und freundschaftliche Hommage gleichermaßen.

Auch Max Beckmann (1884-1950) gehörte eine Zeitlang zu der Sanitätertruppe um Kaesbach, er schloss sich dem Kreis aber offenbar nicht an. Im März 1915 muss es eine Begegnung zwischen Beckmann und Ensor gegeben haben, von der jedoch keine Einzelheiten überliefert sind. Verwandt sind beide Künstler im Interesse daran, die Welt als Bühne zu betrachten, auf der die Menschen mit und ohne Maskierung ihre Rolle spielen. Bereits 1928 hatte der jüdische Maler Felix Nussbaum (1904-1944) während eines Belgien-Aufenthaltes Ostende kennengelernt und war vermutlich schon damals auf Ensor aufmerksam geworden. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten suchte er mit seiner Frau 1935 Zuflucht in Belgien, wo beide im Februar mit einem Touristenvisum zunächst in Ostende ankamen. In einem Brief an den Künstlerkollegen Ludwig Meidner aus dem Jahr 1937 berichtete Nussbaum über den Karneval, in den sie sich gleich nach Ankunft stürzten: „Der Marktplatz war geschmückt, ein großer Laufsteg unter Scheinwerferlicht. – Die Jury saß irgendwo in der Mitte. – Einzeln unter Musikbegleitung mußten die Masken davor ‚Halt‘ machen um begutachtet zu werden. Wie ich so da stand sah ich in der Jury einen alten Herrn mit weißem Gesicht und weißem Bart, – der machte sich eine Notiz als er mich sah. – Das war James Ensor: – Ich erhielt einen Preis – und Felka und ich tranken dann unsere alltäglichen Sorgen herunter.“ Dass sich die beiden Maler dann auch intensiver austauschten und schätzten, davon zeugt ein für Nussbaum wichtiges Dokument: Am 25.8.1935 stellte ihm Ensor ein wohlwollendes Zeugnis über seine Malerei aus, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken. Gemeinsam war beiden Malern die Auseinandersetzung mit dem Motiv der Maske. Bereits in den 1920er-Jahren hatte Nussbaum Masken als Metapher genutzt, um den Aspekt der Doppelgesichtigkeit der Wirklichkeit, die Gespaltenheit seines Ichs zu visualisieren. Im Exil gewann die Maskenmetaphorik weitere Facetten hinzu. Stehen in Ensors Bildern die Masken für die Nichtigkeit des Seins, für Entfremdung und die Absurdität der Welt, wurden die Masken für den vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Belgien geflohenen Nussbaum vor allem zum Symbol für die nun überlebenswichtigen Strategien des Verbergens und Verstellens.