Nach uns die Freiheit? – CoBrAs Rebellion zwischen Krieg und Frieden

Henry Heerup, Kriegsmutter, 1943, Öl auf Sperrholz, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen © VG-Bildkunst, Bonn 2022 / SMK, National Gallery of Denmark, SMK Photo / Jakob Skou-Hansen

Henry Heerup, Kriegsmutter, 1943, Öl auf Sperrholz, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen © VG-Bildkunst, Bonn 2022 / SMK, National Gallery of Denmark, SMK Photo / Jakob Skou-Hansen
Nach uns die Freiheit? – CoBrAs Rebellion zwischen Krieg und Frieden
21.12.22
Christina Bergemann

Der Inhalt der Kunst aber ist der Mensch – zusammen mit seinen Wünschen. Dies alles ist sowohl schön als auch unschön. (Asger Jorn)  (1)


Die jungen Künstler*innen von CoBrA verbindet bereits vor ihrem internationalen Zusammenschluss 1948 ein engagiertes Ziel: Konfrontiert mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Entmenschlichung durch die nationalsozialistische Propaganda wollen sie eine Revolution in der Kunst und im Leben vorantreiben. Über Ländergrenzen und disziplinäre Grenzen hinweg entstehen starke Gegenbilder zu Krieg, Nationalismus und Gewalt. Sie leugnen nicht die Schrecken und die Abgründe der menschlichen Existenz, sondern machen sie zum Thema ihrer Kunst, behalten dabei aber stets den Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit im Blick.

Die Kriegszeit und die Avantgarde: Vom Widerstand in Kunst und Gesellschaft

Ich weiß, dass unter den Pfeilen von Sirenen das Echo der Träume verendet. Siehst Du die kleinen Öllampen, die in wahnsinnigen Schlünden zaghaft ihre Bahnen ziehen? Sie schrauben ihr gelbes Auge verworren und scheu in die Finsternis und lächeln – lächeln über dem Grab der Zukunft.
Anneliese Hager, Krieg (Auszug), 1947


Der leere Raum wird Erde, wird Berg, Bach und Baum, Tier und Haus: Synthese aus dir und dem anderen: Ersehntes Doppelwesen, das immer wieder zerreißt, sich immer wieder vereint, von Geburt zu Wiedergeburt, von Stufe zu Stufe – in steter Verwandlung.
Anneliese Hager, Geburt und Wiedergeburt (Auszug), 1947 (2)


Anneliese Hager, die 1945 in Dresden lebt und arbeitet, experimentiert nicht nur im Medium des Fotogramms, sondern schreibt auch surrealistische Gedichte, die die Abgründe der Zeit aufzeigen, in denen sie entstanden sind. Die Auseinandersetzung mit den Gefühlen der Hoffnungslosigkeit und der Ausweglosigkeit als Folgen des Krieges, der Europa in den 1940er-Jahren fest im Griff hat, steht auch im Zentrum eines Gemäldes von Henry Heerup. Der dänische Künstler, der seit 1940 gemeinsam mit dem Høst-Kollektiv eine den deutschen Besatzern entgegengesetzte Kunstvision verwirklicht, setzt den Kreislauf von Werden und Vergehen in dem Gemälde Krigsmoderen / Kriegsmutter (1943, Öl auf Sperrholz, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen) in Szene: Kinder purzeln aus der Mutterfigur im Zentrum des Bildes in die Welt – wachsen heran, machen ihre ersten partnerschaftlichen und intimen Beziehungen – doch schon hier wird der Kreislauf des Lebens unterbrochen durch den Jagdbomber, der den blauen Himmel durchkreuzt und Bomben auf das Paar unter sich abwirft. Ihnen gegenüber werden in Form zerstörter Häuser und eines Friedhofs die Spuren der Verwüstung sichtbar. Die Kriegsmutter mit Tränen im Gesicht hält den Zyklus von Werden und Vergehen am Laufen. In dem Gedicht Geburt und Wiedergeburt setzt Anneliese Hager dem allgegenwärtigen Krieg, der bei Heerup den natürlichen Kreislauf des Lebens unterbrochen hat, etwas Hoffnungsvolles entgegen: das Bild eines Doppelwesens, das der Zerstörung mit der Neuerfindung seines Selbst begegnet und sich immer wieder mit all seinen Facetten und Anknüpfungspunkten in der Natur verortet. Mit der Rückbesinnung auf die Natur als Rückzugsort, aber auch mit all dem, wofür das Tierische steht – dem Instinkthaften, dem Unzähmbaren, dem Emotionalen – können sich die Künstler*innen von CoBrA identifizieren.

In vielfältiger Form tauchen deshalb auch schon vor der Gründung der Gruppe Mischwesen aus Mensch und Tier in den Werken der Künstler*innen auf. Sie sind nicht nur absolute Gegenbilder zu Krieg, Gewalt und Nationalismus, sondern auch Gegenpole zu einer vom Intellekt geleiteten Kunst. Besonders der Vogel wird dabei als ein Symbol für (künstlerische) Freiheit und Frieden verwendet.

Bei Carl-Henning Pedersen erscheint er mit feurig-rotem Gefieder (Røde fugle, 1940, Wasserfarben und Pastell auf Papier, Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museum, Herning) und bei Ejler Bille als Spadserende Form / Spazierende Form (1933-36, Bronze, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk), in die subtil aber dennoch eindeutig eine politische Botschaft eingelassen ist: Das Swastikamotiv der Nationalsozialisten zerschmilzt zu einem sich frei und unkonventionell bewegenden Vogel.
1938, als das Ausmaß der Gewalt noch unvorstellbar ist, malt die dänische Künstlerin Sonja Ferlov Mancoba eine wegweisende Komposition (Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Brandts, Odense): Trotz oder besser zum Trotz des sich ankündigenden Zweiten Weltkriegs zeigt sie ein tanzendes Wesen, halb Mensch, halb Tier, halb Maske – es sieht mit seinen großen Augen im wahrsten Sinne des Wortes Rot (Orange) und erinnert dabei an ein Skelett, das einen Totentanz aufführt. In Paris hatte Ferlov im selben Jahr den südafrikanischen Künstler Ernest Mancoba kennengelernt. Die beiden werden ein Paar und heiraten 1942. Gemeinsam suchen sie nach universellen Zeichen in der Verbindung der Kunst europäischer und außereuropäischer, insbesondere afrikanischer, Kulturen. Zwei Symbole schweben im Einklang miteinander über dem tanzenden Wesen: Der umrandete Stern weckt Assoziationen zur südafrikanischen Ubuntu-Philosophie, die ein friedvolles, respektvolles Zusammenleben und den individuellen Beitrag eines*r Jeden in Bezug zu seiner*ihrer gesellschaftlichen Verantwortung betont. Auf einer Ebene schwebend, steht das Symbol des Kreuzes für den christlichen Glauben und das Konzept der Nächstenliebe. Ganz im Zeichen der späteren Vision von CoBrA zeigt das Bild daher den Anspruch, eine interkulturelle Kunst und damit eine modernisierte Vorstellung der Volkskunst zu schaffen, indem es den Blick auf das Verbindende zwischen Menschen lenkt – auf das grüne Herz, das das Wesen und seinen Tanz antreibt.