Neuhängung von „Pie“ der Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye

Lynette Yiadom-Boakye, Pie, 2004, © Lynette Yiadom-Boakye

Lynette Yiadom-Boakye, Pie, 2004, © Lynette Yiadom-Boakye
Lynette Yiadom-Boakye, Pie, 2004, © Lynette Yiadom-Boakye
Neuhängung von „Pie“ der Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye
28.08.20
Jennifer Meiser

Bereits auf Höhe der letzten Treppenstufen, die zum ersten Geschoss der Kunsthalle hinauf führen, werden unsere Besucher*innen vom Bildnis einer lächelnden jungen Frau im schulterfreien, grünen Kleid begrüßt. Die grazile Halbfigur entsteht mittels dickem Farbauftrag auf der Leinwand ohne Rahmung. Die Pinselspuren verraten einiges über die Zeitlichkeit des Entstehungsprozesses: So ist die Farbe des beigefarbenen Hintergrunds teilweise über die Umrisse der Porträtierten gemalt und somit nicht wie üblich als erste Malschicht angelegt worden. Dunklere Partien schimmern durch den hellen Hintergrund hindurch. An anderen Stellen bleibt der Trägerstoff völlig frei von Farbe. Die Haut wird durch mehrere Brauntöne mit breiter Pinselführung realisiert, wobei mit dunklen Akzenten Schatten gesetzt sind, um die feinen Gesichtszüge, die hohen Wangenknochen und die geschwungenen Augenbrauen sowie die zarte Halspartie zu betonen. Ihre Haare sind hochgesteckt. Das Kleid umspielt die schmalen Schultern, wobei es scheint, als ob sie den losen Stoff mit ihren umschlingenden Armen festhält. Die Textur von Haut, Stoff und Hintergrund verschwimmen miteinander und werden jeweils gleichwertig behandelt.

Der Stil der britischen Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye, 1977 in London geboren mit Wurzeln in Ghana, erinnert aufgrund ihres virtuosen Umgangs mit nasser Farbe auf Leinwand unweigerlich an die Malerei der französischen Avantgarde des 19. Jahrhunderts, wie sie nebenan im Kubus der französischen Meisterwerke in einer neu kuratierten Sammlungspräsentation zu sehen sind: Das bekannte Historienbild von Édouard Manet „Die Erschießung Kaiser Maximilians“ (1868 – 1869), dessen Bedeutungsgeschichte in einem eigenen Blogbeitrag erzählt wird, hängt im direkten Dialog mit Vertretern des Impressionismus und Post-Impressionismus. Vor dem satten Blau der ausgewählten Wandfarbe kommt die Strahlkraft der Malerei von unter anderem Paul Cézanne, Pierre-Auguste Renoir oder Vincent Van Gogh zur vollen Geltung, ebenso wie die einzigartige dreidimensionale Qualität der Bronzen von Edgar Degas oder August Rodin. Bereits während ihres Studiums der Malerei an der Londoner Royal Academy of Arts bezieht sich Lynette Yiadom-Boakye bewusst auf diese Maltraditionen des westlichen Kunstkanons. Zudem steht sie in einer Reihe mit zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen wie Barkley L. Hendricks, Kerry James Marshall, Amy Sherald, Elizabeth Colomba oder Kehinde Wiley.

Ausgangspunkt ihres Schaffens sind vor allem ihre Überlegungen über das malerische Zusammenspiel der unterschiedlichen Farben, wie sie gegeneinander bestehen oder sich überlagern können. Motivisch weisen Lynette Yiadom-Boakyes Kompositionen allerdings einen erheblichen Unterschied zu den älteren französischen Meistern der Sammlung auf: Sie malt ausnahmslos Schwarze. Die Figuren stehen im Mittelpunkt des Bildes, nicht als Staffagefiguren, Sklaven, Bedienstete oder „edle Wilde“, wie es noch im Kreis um Manet üblich war. Ihre Protagonist*innen tragen nicht die Last der Geschichte auf ihren Schultern und werden auch nicht als Opfer dargestellt. Die Hautfarbe steht nicht im Vordergrund. Yiadom-Boakyes fiktive Charaktere bleiben zeitlos unbestimmt. Keine Hinweise im Hintergrund oder Merkmale der Kleidung verweisen auf die Herkunft oder Bedeutung der Personen – so wird auch bei der unbekannten Dame im grünen Kleid eigentlich keine besondere Geschichte über sie erzählt. Sie sieht den Betrachtenden direkt an, mit einem freundlichen, doch sehr durchdringend bestimmenden Blick. So lässt sich ihre Anwesenheit schließlich subtil politisch interpretieren, denn Lynette Yiadom-Boakye thematisiert in ihrer Malerei die Abwesenheit von Schwarzen, Indigenen und People of Color in der westlichen Malerei sowohl vor als auch auf der Leinwand.

Mit der aktuellen Präsentation von „Pie“ im prominenten Bereich im ersten Geschoss möchte das kuratorische Team der Kunsthalle Mannheim ein Zeichen setzen, um ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen für rassistisch motivierte Diskriminierung gegenüber BIPoC Menschen (Black, Indigenous and People of Color) innerhalb unserer Gesellschaft, aber auch innerhalb des Kunstbetriebs. Der frühe Ankauf von Werken von Lynette Yiadom-Boakye steht für die Weitsichtigkeit und Unterstützung der Kunsthalle Mannheim gegenüber der jungen, noch wenig bekannten Künstlerin zu Beginn ihrer Karriere. Das Porträt „Pie“ (2004) wurde bereits 2006, drei Jahre nach ihrem Abschluss, nach einem Besuch in ihrem Studio in London für die Sammlung der Kunsthalle angekauft, zusammen mit einem weiteren Werk „To Undertake The Social Work“ (2004), dass momentan nebenan im Schaudepot ausgestellt ist. 2013 erlangt Lynette Yiadom-Boakye weltweit Aufmerksamkeit aufgrund ihrer Nominierung für den Turner Preis als erste Schwarze Künstlerin. 2016 widmete ihr die Kunsthalle Basel eine große Einzelausstellung, ein Jahr später folgte das New Museum in New York. Letztes Jahr vertrat sie gemeinsam mit anderen Künstler*innen den Pavillon von Ghana, als das Land erstmals an der 58. Venedig Biennale teilnahm. Aktuell wird in der Tate in London eine Schau für November 2020 vorbereitet.

Weitere Blogbeitraege

„So much history!“ Zum Anselm Kiefer-Hype in den USA

Wie wird einer der berühmtesten deutschen Künstler in der aktuellen Forschung behandelt? Gibt es zum Werk Anselm Kiefers überhaupt noch neue Ansätze oder gar offene Fragen, die es zu diskutieren gibt? Diesen Fragen stellte sich die Kunsthalle Mannheim anlässlich der Ausstellung „Anselm Kiefer“ im Jahr 2021 in einem Online-Symposium mit fünf Vorträgen von... Blogbeitrag lesen

Informel und Monochromie: ein neu kuratierter Kubus im Neubau

Ab 18. November 2022 steht das Ausstellungsgeschehen in der Kunsthalle ganz unter dem Motto „Becoming CoBrA. Anfänge einer europäischen Kunstbewegung“. Der Name der Künstler*innengruppe, die von 1948 bis 1951 existierte, setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Städte Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam zusammen, aus denen die Gründungsmitglieder stammten.... Blogbeitrag lesen

Kunst, kinderleicht…

Jeden Tag ist die Kunsthalle das Ziel ganz unterschiedlicher Personen: Familien, Reisende, Berufstätige und Senior*innen, Fachleute und Laien, Kinder und Jugendliche, Kunstbegeisterte und Kunstskeptiker*innen. Besonders erfreulich ist aber, dass täglich auch Kindergartengruppen und Schulklassen mit ihren Erzieher*innen und Lehrkräften vorbei kommen. Für... Blogbeitrag lesen

URBAN NATURE von Rimini Protokoll: Theateraufführung oder Museumsausstellung?

Sowohl Museen als auch Theater sind Orte der Sichtbarmachung. Das Museum stellt als White Cube, als weißer, unangetasteter Raum, Kunst aus. Das Theater dient als Black Box, als schwarzer Container, der mit Geschichten gefüllt werden kann. Beide Institutionen haben eine besondere Wirkmacht. Alles, was auf der Bühne passiert, ist Theater. Alles, was im Museum... Blogbeitrag lesen

Ein Wohnzimmer für die Stadtgesellschaft in der Kunsthalle - Was ist partizipatorische Programmgestaltung?

„I define a participatory cultural institution as a place where visitors can create, share, and connect with each other around content“, so Nina Simon, Kuratorin und Autorin von „The participatory Museum“ (2010) und „The Art of Relevance“ (2016). Laut Simon können Besucher*innen einer partizipativen Kulturinstitution eigene Ideen und Objekte einbringen,... Blogbeitrag lesen

MELDEN SIE SICH FÜR DEN NEWSLETTER AN

Die Kunsthalle Mannheim informiert Sie regelmäßig über das Museum, aktuelle Ausstellungen und Veranstaltungen.

Anmelden