Rollenspiel und Maskerade

Max Beckmann, Fastnacht, 1925

Max Beckmann, Fastnacht, 1925
Rollenspiel und Maskerade
11.02.21
Inge Herold

Fastnacht steht vor der Tür und wir können es nicht feiern. Die Corona-Pandemie macht unseren Wünschen nach Ausgelassenheit, Verkleidung, Maskierung und temporärem „Über-die-Stränge-Schlagen“ einen Strich durch die Rechnung. Das Interesse an den Aspekten der sogenannten fünften Jahreszeit war auch bei Künstlern von jeher von großer Bedeutung. Der zweite Direktor der Kunsthalle Mannheim Gustav Friedrich Hartlaub widmete dem Thema „Fastnacht in der Kunst“ 1926 gar eine eigene Ausstellung. Und er war Mitglied der Jury für die schönsten Masken, ein Preis, der in den 1920ern jährlich verliehen wurde. So wundert es auch nicht, dass er ein 1925 entstandenes Gemälde von Max Beckmann ankaufte, das den Titel „Fastnacht“ oder „Pierrette und Clown“ trägt und in dem es um Verkleidung und Rollenspiel geht.

Max Beckmann (1884-1950) gilt als eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Bereits in den 1920er-Jahren erwarb die Kunsthalle Mannheim mehrere Hauptwerke des Künstlers, darunter „Fastnacht“ und widmete ihm 1928 eine große Einzelausstellung. Heute befinden sich vier Gemälde und 36 Papierarbeiten des Künstlers im Besitz der Kunsthalle. Das Bild „Fastnacht“ hat im Übrigen auch eine besondere Geschichte. Es wurde 1937 von den Nationalsozialisten in der Kunsthalle beschlagnahmt und kam 1950 als Schenkung von Günther Franke wieder nach Mannheim zurück: eine der seltenen Beispiele für die Rückkehr verlorener Kunstwerke in unserer Museumsgeschichte.

Wer verbirgt sich hinter den beiden dargestellten Figuren? In der rechten Bildhälfte ist Beckmanns zweite Frau Mathilde Kaulbach, vom Künstler liebevoll »Quappi« genannt und hundertfach gemalt, als attraktive Tänzerin dargestellt. Sie sitzt selbstsicher mit übergeschlagenen Beinen und betrachtet aufmerksam etwas, das unseren Blicken verborgen bleibt. Das Alter Ego des Künstlers, der sich auch in anderen Porträts immer wieder in einen Clown und Narr verwandelt, zeigt sich hinter ihr in akrobatischer Verrenkung. Sein Gesicht ist durch ein Tuch verhüllt, er gibt sich nicht zu erkennen. Seine Position ist bedrängt und ohne Bewegungsfreiheit, er hat im wahrsten Sinn des Wortes den Boden unter den Füßen verloren. Der Künstler hatte Mathilde Kaulbach im September 1925 geheiratet. Im selben Jahr erscheint sie in „Fastnacht“ erstmals in einem seiner Bilder und wird zum Bestandteil seines Welttheaters, das vielfach mit Verkleidungen, sozialen Rollen und religiösen oder mythologischen Symbolen spielt. Beckmanns Gemälde zeigt zwei Arten, der Welt zu begegnen: Während sich der Clown verschließt und nur durch einen schmalen Spalt seine Umgebung betrachten kann, setzt sich die attraktive Pierrette, eine Figur der italienischen Commedia dell‘ arte, der Welt und dem betrachtenden Gegenüber selbstbewusst aus. Letztlich vereint das Gemälde drei Motive, die Max Beckmanns Gesamtwerk durchziehen: das Selbstporträt, das Paarbildnis und die Fastnachtsdarstellung. Beckmanns Hauptthema war der Mensch in seiner existenziellen Ohnmacht und Hilflosigkeit. Motive aus Zirkus, Theater und Karneval tauchen in seinem Œuvre immer wieder als Metaphern für das Leben als großes Bühnengeschehen auf. Gleichzeitig hat er in zahlreichen Paarbildnissen das emotionale und sexuelle Verhältnis zwischen den Geschlechtern thematisiert.  „Wir sind alle Seiltänzer. Bei ihm ist’s wie in der Kunst, so auch bei allen Menschen der Wille, das Gleichgewicht zu erreichen und zu erhalten“,  schrieb er 1948.

Ein anderer Künstler, der sich immer wieder mit Karnevalsmotiven auseinandersetzte, war der Belgier James Ensor (1860-1949). Geprägt und inspiriert durch das exzessive Karnevalstreiben in seiner Heimatstadt Ostende und durch den elterlichen Souvenirladen, in dem Karnevalsmasken verkauft wurden, avancierte er zum „Maler der Masken“. Er verstand es wie kein zweiter, das Thema der Maske als Motiv der Verhüllung, Verfremdung und Demaskierung mit dem Thema des Todes zu verbinden: Die Welt als Bühne, auf der wir Masken tragend Kämpfe ausfechten, Fantasien ausleben, immer im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit. Ab dem 11.6.21 widmen wir dem belgischen Künstler eine große Ausstellung.

Max Beckmann und James Ensor sind sich im Übrigen 1915 persönlich begegnet. Als der junge deutsche Künstler sich während seines Einsatzes als Sanitäter im Ersten Weltkrieg in Flandern aufhielt, hat er den damals schon arrivierten Kollegen in Ostende besucht. Leider ist nicht überliefert, worüber die beiden sich ausgetauscht haben. Gern hätte man dem Gespräch gelauscht.