Transkription
Sprecherin:
Gustav F. Hartlaub, der zweite Direktor der Kunsthalle Mannheim, gab mit der von ihm 1925 kuratierten Schau einer ganzen Strömung innerhalb der Malerei einen prägnanten, bis heute weltweit verwendeten Namen: Die neue Sachlichkeit.
Sprecher:
Wenngleich die Ausstellung mit 4405 Besucher*innen kein Publikumserfolg wurde, erfuhr sie in der Presse positive Resonanz und wanderte schließlich nach Dresden und Chemnitz weiter, danach, nun nicht mehr unter Mannheimer Regie, nach Erfurt und Dessau, und stark dezimiert nach Halle und Jena. Weit über diese kunsthistorische Bedeutung hinaus ist der Begriff zum Synonym für den kulturellen Aufbruch der 1920er-Jahre und die in Malerei und Grafik, aber auch in Architektur, Design, Fotografie oder Literatur zu beobachtende Rationalität und sachliche Präzision geworden.
Sprecherin:
Gleichzeitig wurde kaum eine künstlerische Entwicklung derart kontrovers diskutiert. Der dafür gefundene Begriff umfasste eine Vielzahl von widersprüchlichen Erscheinungsformen und künstlerischen Haltungen. Auch die von Hartlaub eingeführte Unterscheidung in einen nüchternen, klassischen „rechten“ und einen kritisch-sozialen, veristischen „linken“ Flügel spiegelte das gesamte Spektrum nur unzureichend wieder.
Sprecher:
Einig war man sich darin, die neue Kunst als Folge des Expressionismus und in Abgrenzung zu diesem zu definieren. Gleichzeitig war es Konsens, dass der neue Stil eine Folge des Krieges mit all seinen Auswirkungen ebenso wie ein Reflex auf die Umbrüche und Krisen der Jahre danach war.
Sprecherin:
100 Jahre später verfolgen wir mit der Jubiläums-Ausstellung mehrere Ansatzpunkte. Ein Blick auf die Entstehung der historischen Schau sowie auf die präsentierten Werke soll Hartlaubs kuratorische Leistung würdigen, aber auch kritisch bewerten. Einbezogen wird nun auch das, was Hartlaub nicht wahrgenommen oder auch ausgeschlossen hat. So war 1925 war keine einzige Künstlerin in der Ausstellung vertreten. Dies lag einerseits daran, dass Frauen im damaligen Kunstbetrieb benachteiligt waren; andererseits befand sich das Werk einiger neusachlich malender Künstlerinnen um 1925 erst in der Entwicklungsphase und entging so Hartlaubs Aufmerksamkeit.
Sprecher:
Hartlaub verzichtete mit ganz wenigen Ausnahmen auf einen Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus, wenngleich die Hinwendung zu einer gegenständlichen Formensprache kein auf Deutschland beschränktes Phänomen war. Um dies beispielhaft zu zeigen, werden in der Ausstellung auch Werke internationaler Künstler und Künstlerinnen präsentiert.
Sprecherin:
Hartlaub selbst reflektierte noch Jahre später über sein kuratorisches Tun und sah deutlich die Gefahren der Verflachung, aber auch Vereinnahmung des neusachlichen „Stils“. Auch wenn sich schon Mitte der 1920er-Jahre abzeichnete, dass die neusachliche Bildsprache immer stärker in einen neuromantischen, rückwärtsgewandten Stil überging, bedeutete die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Zäsur, die die Kunst, aber auch das Schicksal der Künstler*innen oft dramatisch beeinflusste. Dies wird anhand ausgewählter Beispiele nachzuvollziehen sein.
Sprecher:
Hartlaub selbst, zu seiner Zeit einer der avantgardistischsten Museumsvertreter, wurde 1933 von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben. Zahlreiche seiner Erwerbungen moderner Malerei wurden 1937 von den Machthabern als „entartet“ beschlagnahmt und gingen dem Museum verloren. Auch daran soll erinnert werden.
Ausstellungsplakat
Die Neue Sachlichkeit 1925
(Ausschnitt)
von Karl Bertsch (1895-1974)
