SYMPOSIUM "KIRCHNER, LEHMBRUCK, NOLDE"

Anlässlich der großen Sonderausstellung „Kirchner, Lehmbruck, Nolde“ fand am 21.11. ein Symposium mit vielfältigen Beiträgen zum Thema „Expressionismus“ statt. Vorträge von Lisa-Marei Schmidt (Brücke-Museum Berlin), Tamara Schneider (Nolde Museum Seebüll) und Anna Fliri (Lehmbruck Museum Duisburg) sorgten für ein spannendes Programm. Außerdem zu Gast in der Kunsthalle Mannheim war der Schauspieler und Kirchner-Experte Franz Dinda. Eröffnet wurde das Symposium am Abend des 20.11. mit einem Vortrag von Jürgen Kaube, Herausgeber und Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeine Zeitung.
 

Donnerstag, 20.11.2025

19 Uhr
Abendvortrag
Gruppenbild mit Damen - Zur Soziologie künstlerischer Netzwerke der Avantgarde
Jürgen Kaube, Herausgeber Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Bewegung des Expressionismus teilt mit anderen Künstlergruppen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts (z.B. Suprematismus, Futurismus, Vortizismus, Surrealismus) ein Profil. Er übergreift ästhetische Gattungen, ist konfliktfreudig, publiziert Manifeste und besitzt starke Verankerungen in einem nationalstaatlichen Raum. Der Vortrag versucht, diese Merkmale soziologisch zu deuten.

Jürgen Kaube studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte sowie Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Der Volkswirt entdeckte durch Niklas Luhmann die Soziologie und blieb dabei. Seit 1992 Mitarbeit am Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 1999 Mitglied der Redaktion. Zuständig für Wissenschafts- und Bildungspolitik wurde er im August 2008 Ressortleiter für die „Geisteswissenschaften“ und 2012 für „Neue Sachbücher“ sowie stellvertretender Leiter des Feuilletons. Seit 2015 Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Preisträger des Ludwig-Börne-Preises 2015. Autor der Bücher „Die Anfänge von allem“ (2017) über die Entstehung der menschlichen Kultur und „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ (2019). Preisträger des Deutschen Sachbuchpreises 2021 für die Biografie „Hegels Welt“ (2020).

 

Freitag, 21.11.2025

14.30 Uhr
Eintreffen

15.00-15.15 Uhr
Begrüßung
Johan Holten, Direktor Kunsthalle Mannheim

15.15-16.15 Uhr
„Alte Fragen, neu gestellt - Perspektiven auf den Expressionismus"
Vortrag von Lisa Marei Schmidt, Brücke-Museum Berlin

Lisa Marei Schmidt ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und seit Oktober 2017 Direktorin des Brücke-Museums in Berlin. Hier kuratierte sie Ausstellungen, die die Sammlung neu kontextualisierten wie u.a. „Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus“ (2019) (zusammen mit Aya Soika und Meike Hoffmann) oder „Whose Expression? Die Künstler der Brücke im kolonialen Kontext“ (2021/22), aber auch Interventionen zeitgenössischen Künstlerinnen wie Vivian Suter (2020) oder Malgorzata Mirga-Tas (2023). Unter ihrer Leitung wurde das Brücke-Museum 2023 von der deutschen Sektion des Kritiker*innenverbands AICA zum „Museum des Jahres“ ernannt.

16.15-17.15 Uhr
„Innerlichkeit und Form: Wilhelm Lehmbrucks skulpturales Verständnis im Wandel der Moderne“
Vortrag von Anna Fliri, Lehmbruck-Museum Duisburg

Wilhelm Lehmbruck verstand Skulptur nicht als Abbild des Körpers, sondern als Ausdruck innerer Zustände – der Mensch wurde bei ihm zur seelischen Form. Geprägt von seiner Zeit in Paris und den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs entwickelte er eine stille, zugleich tief emotionale Bildsprache, die zentrale Themen der Moderne vorwegnimmt. Das Lehmbruck Museum in Duisburg verfügt heute über die weltweit größte Sammlung seiner Werke und bietet damit einen einzigartigen Überblick über sein gesamtes künstlerisches Schaffen. Die Kunsthalle Mannheim bewahrte mit Unterstützung des Sammlers Sally Falk früh bedeutende Arbeiten Lehmbrucks und trug so maßgeblich zur musealen Etablierung seines Werks bei. Der Vortrag beleuchtet Lehmbrucks skulpturales Verständnis im Spannungsfeld von Krieg, internationalem Einfluss und Sammlungsgeschichte.

Anna Fliri ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Als sammlungsverantwortliche Kustodin am Lehmbruck Museum in Duisburg entwickelt sie Ausstellungen, die von Wilhelm Lehmbruck und der Klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst reichen. Parallel dazu promoviert sie über das Verhältnis von Körper und Raum im Werk von VALIE EXPORT.           

17.15-18.30 Uhr
„Emil Nolde im Nationalsozialismus: Mythen und Aufarbeitung“
Vortrag von Dr. Tamara Schneider, Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde

Der Vortrag widmet sich der erst in der jüngeren Vergangenheit intensiv von der Nolde-Stiftung vorangetriebenen Aufarbeitung des Nolde-Mythos. Im Bestreben um die Anerkennung seines expressionistischen Ausdrucks wurde Emil Nolde glühender Anhänger des Nationalsozialismus. Gleichsam wurde er von den Nationalsozialisten als „entarteter Künstler“ angeprangert. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte dies zum Mythos von Nolde als verfolgtem Künstler, der erst seit rund zehn Jahren unter der neuen Direktion der Nolde-Stiftung revidiert wurde.

Dr. Tamara Schneider studierte an der Universität Kassel und promovierte dort im Fach Kunstwissenschaften. Nach Tätigkeiten in verschiedenen Museen in Deutschland war sie acht Jahre als Dozentin in Japan tätig, bevor sie ihre derzeitige Arbeit als Wissenschaftliche Kuratorin in der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde aufnahm. Jüngst kuratierte sie u.a. die Ausstellung „Emil Nolde – Welt und Heimat“ im Museum Würth 2 in Künzelsau.

Moderation:
Dörte Ilsabe Dennemann, Dr. Ursula Drahoss, Luisa Heese, Dorotea Lorenz

Pause

19 Uhr
„Mein Kirchner“
Vortrag von Franz Dinda, Kirchner-Sammler und Schauspieler

Franz Dinda (*1983) ist nicht nur durch Film und Fernsehen bekannt – er begeistert seit Jahren auch mit seinem außergewöhnlichen Projekt rund um Ernst Ludwig Kirchner. Dinda nimmt die Teilnehmer mit auf die faszinierende Reise seines seit 2019 andauernden Abenteuers, das ihn zu einem der engagiertesten aktiven Kirchner-Forscher gemacht hat. Der Umstand, dass er seine Reise von Anfang an dokumentarisch begleitet hat, erlaubt dem Publikum nun einzigartige und exklusive Einblicke, bis hin zu Auszügen eines der letzten ausführlichen Interviews des wohl wichtigsten Kirchner-Forschers und Sammlers überhaupt: Dem 2024 im Alter von 99 Jahren verstorbenen Auktionatoren Eberhard W. Kornfeld.
Der Vortrag bietet die Möglichkeit, einen echten und aktuellen Eindruck vom Leben und Schaffen des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner zu bekommen: Wer war dieser Künstler? Was hat er für ein Werk hinterlassen und wieso begann Franz Dinda, Kirchners umfangreichstes und 1969 aufgelöstes Skizzenbuch zu rekonstruieren? Ein Kunstkrimi mit Happy End.

Zum Projekt
2019 ersteigerte der deutsche Schauspieler eine Zeichnung von Kirchner. Dies war der Auftakt einer einzigartigen und seitdem andauernden Reise: Was ursprünglich damit begann, die Hintergrundgeschichte des Blattes zu erfahren, endete in dem nahezu aussichtslosen Vorhaben, das komplette Skizzenbuch, zu dem das Blatt zählte, zu rekonstruieren. Das Problem: Das ca. 200 Blatt zählende Skizzenbuch wurde seit 1969 nach und nach durch den Käufer Marlborough Fine Arts London zerlegt und die Bestandteile in alle Welt verkauft. Jedes Blatt, das Dinda wiederfindet, ist für ihn eine erfüllende Entdeckung und eine wertvolle wissenschaftliche Bereicherung für die Erforschung des Werks von Kirchner.
»Mein Kirchner« - Ein Kunstabenteuer von Franz Dinda