Terror und die Mediasphäre der Gewaltkommunikation

Kunsthalle Mannheim/Elmar Witt

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Terror und die Mediasphäre der Gewaltkommunikation
25.03.22
Sebastian Baden

Die terroristische Kommunikation erfolgt durch Taten wie Morde und Anschläge, die meistens ohne vorhergehende Ankündigung stattfinden. Aber auch Bombendrohungen sind schon als terroristische, weil staats- und sicherheitsgefährdende Akte benennbar. Der Terror beginnt entsprechend bereits bei der Imagination der Bedrohung, mit der Angst vor dem Anschlag. Die Empfindung von Terror entspringt der subjektiven Wahrnehmung. Mentale Vorstellung und mediale Darstellung bedingen einander, ihnen gemeinsam ist der Doppelsinn von Repräsentation.

Als Menschen nehmen wir Bilder wahr und reproduzieren sie. Dies geschieht über das Zusammenwirken auf einer mentalen und auf einer medialen Ebene. Bild, Körper und Medium arbeiten symbiotisch zusammen und werden deshalb auch gemeinsam von terroristischen Akten getroffen. Sie sind Teil einer Mediasphäre, in welcher sich der Terror als Vor-und Darstellung artikuliert.[1]

Darum hat Bruce Hoffman den Terrorismus allgemein als neue, unerklärte Form des Krieges beschrieben und die besondere mentale Bedrohung hervorgehoben, die von überraschenden terroristischen Angriffen ausgeht. Die Dramatisierung eines politischen Problemfeldes, so Hoffman, stehe gegenüber der Gewaltausübung im Vordergrund, weshalb „Terrorismus in der Tat zu einer pervertierten Form des Showgeschäfts geworden ist“ und wie eine „PR-Kampagne“ funktioniert.[2] Es geht also darum, das Imaginäre, die Vorstellungskraft zu erreichen, anzugreifen und letztlich so stark zu besetzen, dass auch das Verhalten der Menschen beeinflusst wird. Der Journalist Franz Wördemann hat diese Guerillastrategie der Kommunikation angesichts der Attentate der RAF zu Beginn der 1970er-Jahre so erklärt: „Der Neue Guerilla besetzt tendenziell den Raum, um später das Denken gefangen zu nehmen – der Terrorist besetzt das Denken, da er den Raum nicht nehmen kann.“[3]

In der Gegenwart des Jahres 2021 und vor dem Hintergrund einer weltweit vernetzen rechtsextremen Szene muss die historische Betrachtung der terroristischen Mediasphäre aktualisiert werden. Attentäter inszenieren sich nun selbst mit Hilfe der eigenen Videokamera während ihrer Tat in einem online übertragenen „Livestream“. Sie agieren wie Spieler in einer virtuellen Welt der Gaming-Culture, und übertragen die Regeln des Computerspiels auf ein aus ihrer Perspektive echtes Kriegsspiel. Hier findet eine kognitive Dissonanz statt, denn das Morden ist kein Spiel, sondern eine grausame und schreckliche Realität für die Betroffenen. „Zum Aspekt des öffentlichen Charakters der Anschläge gehört daher einerseits ein Voyeurismus gegenüber den Opfern sowie andererseits eine Wirkung der Morde auf die Gruppe, die der Täter zum Ziel hatte.“[4]

Selbstdarstellung und Selbstbeobachtung spiegeln bei den Anschlägen der als „Egoshooter“[5] bezeichneten Attentäter ein narzisstisch geprägtes Selbst wieder. Der eigene Hass auf selbst produzierte und angeeignete Feindbilder wird aus dem Internet über den realen Akt der Gewalttat ins Internet zurückgespielt. Die Inszenierung „Live“ und in „Echtzeit“ findet nun direkt für ein Online-Publikum statt, ohne dass eine Bildredaktion oder Kommentare von Nachrichtensprecher*innen eine Moderation wahrnehmen können. Diese mediale Inszenierung ist neu, weshalb auch von einem neuen Terrorismus gesprochen werden kann, der die Mediasphäre als ein pervertiertes „Monitorstadium“[6] nutzt.

Terroristische Akte fordern entsprechend zur Nachahmung auf. Terrorist*innen produzieren und inszenieren Gewalttaten, um innerhalb einer zynischen Überbietungsspirale Anerkennung aus der eigenen Szene zu bekommen. Imageboards sind dafür die neuen Plattformen, auf denen Attentäter*innen ihre Vorbilder bzw. Nachahmungen von Anschlägen, Bekennerschreiben oder Manifesten finden.[7]


Bildmuster in der Medienrevolution

Bilder von Geiselnahmen, Hinrichtungen, Anschlägen, Täter*innen und Opfern strukturieren die mediale Wahrnehmung terroristischer Akte. Spannungen, die aus der emotionalen Erregung wie Wut, Betroffenheit, Angst, Rache oder Trauer entstehen, entladen sich über die Konstellation der Bildmuster und den ritualisierten medialen Gebrauch. In der Reihenfolge der Inszenierung wären dies folgende Kommunikationsstufen: Berichte über den jeweiligen Gewaltakt, dessen Klassifizierung als terroristische Tat, das folgende Narrativ der Begründung oder die Vermutungen über Hintergründe, die Erfassung der Täter*innen und die Vergeltung der Tat durch Verurteilung oder sogar Hinrichtung. Charlotte Klonk sieht „etablierte Bildmuster“ als Regulativ für die mediale Inszenierung und erkennt in der Wiederholung der Berichterstattung eine „beruhigende zivilisatorische Wirkung“, die auf dem „immer gleichen Ablauf von Bildern und Gegenbildern im bekannten Gut-Böse- und Freund-Feind-Schema.“[8] Auch Stefan A. Weichert hat die Sinn stiftende Wirkung ritualisierter Medienberichte über Terrorakte ausführlich dargestellt.[9] Die Wiederholung leistet außerdem einen Beitrag zur Traumabewältigung. Zugleich stimuliert die Wiederholung, insbesondere etwa der Fernsehbilder der Anschläge vom 11. September 2001, eine Schaulust des Publikums, das aus der Distanz der Beobachtung das schreckliche Ereignis wahrnimmt. Der „Aufmerksamkeitsterrorismus“[10] profitiert also von einer Schockwirkung, die besonders in der Ferne und in der Situation einer „Live“-Berichterstattung funktioniert. Die Rahmung durch Medien, ob Fernsehen oder Soziale Medien auf Computer und Smartphone, muss als Teil der Inszenierung wahrgenommen werden. Die Medienrevolution der Moderne zeigt sich insbesondere anhand terroristischer Kommunikationsstrategien. Ob als Druckgrafik, Zeitungslithografie, Fotografie, im Fernsehen oder in digitaler Form auf Online-Plattformen: Die Inszenierung von Terrorismus wird über die Revolution der Medientechnologie einerseits immer professioneller, andererseits bieten sich schon einfachste Kameras und Programme an, um Bildzeugnisse digital zu verbreiten. Dem terroristischen Ikonoklasmus, dem Bildersturm und der Zerstörung von Symbolen sowie der Tötung von Menschen steht die terroristische Ikonografie gegenüber. Über Medienberichte werden aus Bildakten zunächst Waffen, bevor aus den grausamen Bildern später bedeutende Medienikonen werden, die das kollektive Gedächtnis prägen. Michael Diers erklärt das Paradox des terroristischen Attentats auf den „visuellen Enthusiasmus“ der Menschen: „Ihr idiosynkratischer Bildersturm dient ihnen, nur scheinbar paradox, als neue Bildschöpfung.“[11]

Am Modus der Betrachtung und Wahrnehmung von Terror als Ereignis und Medienereignis hat sich also seit der Französischen Revolution zwar die Art der Mediatisierung geändert, nicht jedoch das Spektakel der grausamen Darbietung oder die Erzeugung neuer Feindbilder. Diese schockierende, auf die Visualität des Terrors ausgerichtete Strategie der Inszenierung setzt sich fort mit den Praktiken der Videoexekutionen von Gruppen wie dem sogenannten Islamischen Staat. Und weiter findet die mediatisierte Inszenierung von Terror neue Plattformen in den Social Media-Kanälen, über die „Live“-Szenen terroristischer Akte ohne Kontrollmöglichkeit verbreitet werden, wie 2019 beim Attentat auf eine Moschee in Christchurch in Neuseeland.

 

[1] Régis Débray: Einführung in die Mediologie (frz. 1991), Bern/Stuttgart/Wien 2003; Eva Schürmann: Vorstellen und Darstellen. Szenen einer mediananthropologischen Theorie des Geistes, Leiden, Boston, Singapore, Paderborn 2018, S. 13.

[2] Bruce Hoffman: Terrorismus. Der unerklärte Krieg, Frankfurt am Main 2002, S. 212 u. 176.

[3] Franz Wördemann: Terrorismus. Motive. Täter. Strategien, München/ Zürich 1977, S.16, 57 u. 59.

[4] Jan-Philipp Baeck/ Andreas Speit: Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat. In: Dies. (Hg.): Rechte Ego-Shooter. Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat, Bonn 2020, S. 7-25, S. 22.

[5] Ebd.

[6] Gerhard Johann Lischka: Das Monitorstadium. BILDO-Akademie (Hg.): Bildmaschinen und Erfahrung, Berlin 1989, S. 19–27, 27; ders.: Über die Mediatisierung: MEDIEN UND RE-MEDIEN, Bern 1988, S. 40.

[7] Verena Straub: Das Selbstmordattentat im Bild. Aktualität und Geschichte von Märtyrerzeugnissen, Bielefeld 2021.

[8] Charlotte Klonk: Terror – Wenn Bilder zu Waffen werden, München 2017, S. 15.

[9] Stephan A. Weichert: Von der Live-Katastrophe zum Medien-Denkmal: Das mediatisierte Krisenereignis 11. September. In: Beuthner u. a. 2003, S. 74–102; ders.: Die Krise als Medienereignis. Über den 11. September im deutschen Fernsehen, Köln 2006; ders.: Im Rausch des Live-Sendens. Terrorismus und seine Inszenierung als Medienereignis. In: Christer Petersen; Jeanne Riou (Hg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und den Medien / Signs of War in Literatur, Film and Media, Bd. 3: Terror, Kiel 2008, S. 325–355; ders.: Ein Stück Welt ist explodiert. Terrorbilder/Bilderterror 2001: Von der Live-Katastrophe zum inszenierten Medienereignis. In: Unheimlich vertraut 2011, S. 212–239.

[10] Stephan A. Weichert: Aufmerksamkeitsterror 2001. 9/11 und seine Inszenierung als Medienereignis. In: Paul 2008, Bd. 2: 686–693.

[11] Michael Diers: Vorwort. In: Ders.: Vor aller Augen. Studien zu Kunst, Bild und Politik, Paderborn 2016, S. 9-17, 15.

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