Mindbombs: Der künstlerische Umgang mit dem Terror

Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl

Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Ausstellungsansicht MINDBOMBS: Ariel Reichman: I AM (NOT) SAFE, PSM Gallery, 2021. Courtesy of the artist and PSM Gallery. Kunsthalle Mannheim/Rainer Diehl
Mindbombs: Der künstlerische Umgang mit dem Terror
03/04/22
Gast

Die Ko-Kuratorin der Ausstellung Larissa-Diana Fuhrmann über die künstlerische Aneignung politischer Gewalt und den Kampfbegriff Terrorismus in der aktuellen Sonderausstellung Mindbombs.

„Terror“, „Terrorist“ und „Terrorismus“ wurden zu Kampfbegriffen in den Medien der Gegenwart und auch Wissenschaftler*innen nutzen die Begriffe alltäglich in ihrer Auseinandersetzung mit politischer Gewalt. Die Ausstellung Mindbombs beleuchtet mit einer Reihe künstlerischer Positionen unter anderem dieses Phänomen der selektiven Kennzeichnung.  Dabei zeigt sie auch welche Gewalt sichtbar wird und welche meist aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wird.

Die Künstler*innen, die in der Ausstellung zu sehen sind, nutzen in ihren Arbeiten Strategien, um historische Kontinuitäten und komplexe Zusammenhänge in einer globalisierten Welt sichtbar zu machen. Sie stellen sich und den Besucher*innen Fragen wie: Wer wird zum Terroristen und warum? Könnte ich Terrorist*in sein? Wer nennt wen Terrorist und mit welchem Ziel? Und fühle ich mich bei all diesen Fragen noch sicher?

Mit der Installation „Ich, Terrorist*in“ (2021) von Isabelle Konrad werden das stereotypisch verankerte Bild der/des Terrorist*in und das damit verbundene Racial Profiling beleuchtet. Die Besucher*innen sehen sich selber in einem Spiegel mit der Aufschrift „Ich könnte niemals Terrorist*in sein“. Aber ist das wirklich so? Äußerlichkeiten entscheiden, ob wir von der Mehrheitsgesellschaft als potentiell gefährlich oder harmlos wahrgenommen werden. Wo Stereotype und Schuldvermutungen unter anderem herkommen, zeigt Kader Attia in seiner raumgreifenden Installation „Die Kultur der Angst: Eine Erfindung des Bösen“ (2016). In Metallregalen angeordnet finden sich rassistische Abbildungen aus der boomenden Zeitungsindustrie des 19. Jahrhunderts die ein nachhaltiges Feindbild in Europa geschaffen haben. Gezeigt werden auf den Titelblättern gewaltvolle Darstellungen von Menschen aus den ehemaligen Kolonien in Afrika und den Amerikas. Diese Darstellungen prägen bis heute unser Selbstverständnis in Europa und die vorherrschenden Machtdynamiken der Gesellschaft. Der Comiczeichner Khalid Albaih nutzt das quadratische Format von Instagram Posts als virtuelle Leinwand für seine Arbeiten. Aktuelle Nachrichten übersetzt er in digitale Zeichnungen, die lokale und globale Geschehnisse kontextualisieren. Die von ihm ausgewählten Arbeiten (2014-2021) zeigen welche Folgen die medial inszenierte Gewalt des sogenannten Islamischen Staates für Muslim*innen weltweit hat und weist auf die prekären Zukunftsaussichten syrischer Kinder zu Zeiten des Bürgerkriegs hin. Hiba Ansaris Installation „Fegefeuer“ (2021) stellt die Verarbeitung ihrer persönlichen Gewalterfahrung in Syrien während des Bürgerkriegs dar, sowie ihre Konfrontation mit systemischem Rassismus in Deutschland. Aufgebaut wurde sie von der Künstlerin selbst in einer Performance, in der sie scharfe Klingeln vor ihrem Gesicht immer wieder auf und ab bewegt und den Zuschauer*innen die Verwundbarkeit sowie das Durchhaltevermögen eines menschlichen Körpers vor Augen führt.

Wie sicher sich die Besucher*innen nach dem Rundgang in der Ausstellung fühlen, können sie mit Hilfe der interaktiven zweiteiligen Installation von Ariel Reichmann mitteilen. Sie fragt „Am I safe?“ [Bin ich sicher?] (2020) und bietet lediglich die Antwortmöglichkeiten „yes“ [ja] und „no“ [nein]. Die Frage ist so komplex wie sie elementar ist. Im Park gegenüber der Kunsthalle sieht man die Neonschrift „I am (not) safe“ aufleuchten, die das Stimmungsbild der Menschen in der Ausstellung widerspiegelt. Damit ist Mindbombs eine Ausstellung, die nicht nur 200 Jahre künstlerischen Umgang mit politischer Gewalt zeigt, sondern uns ganz tief hineinhorchen lässt in uns selbst.

Weitere Blogbeitraege

Ein Wohnzimmer für die Stadtgesellschaft in der Kunsthalle Mannheim Was ist partizipatorische Programmgestaltung?

„I define a participatory cultural institution as a place where visitors can create, share, and connect with each other around content“, so Nina Simon, Kuratorin und Autorin von „The participatory Museum“ (2010) und „The Art of Relevance“ (2016). Laut Simon können Besucher*innen einer partizipativen Kulturinstitution eigene Ideen und Objekte einbringen,... Blogbeitrag lesen

Das soll Liebe sein!? Hanna Nagels Blick auf das Verhältnis der Geschlechter

Hanna Nagel (1907-1975) beschäftigt sich schon sehr früh mit dem Verhältnis der Geschlechter, mit der Beziehung zwischen Mann und Frau in weit gespanntem Blick von der Liebesbeziehung bis zur Auflösung von traditionellen genderspezifischen Rollenmustern. Sie tut dies in den Jahren zwischen 1928 und 1932 intensiv wie kaum eine andere Künstlerin ihrer Zeit... Blogbeitrag lesen
Yoko Ono, My Mommy is beautiful, 2021, Bild: Kunsthalle Mannheim/Heiko Daniels

My Mommy Is Beautiful – Meine Mutter ist wunderschön!

Worte der Liebe und der Dankbarkeit, der Ablehnung und der Reue – seit Beginn der Ausstellung „MUTTER!“ füllt sich das Atrium der Kunsthalle mit einer nicht enden wollenden Zettelflut. Die Installation „My Mommy Is Beautiful“ der Künstlerin Yoko Ono lädt die Besucher*innen dazu ein, ihren Müttern eine Botschaft zu hinterlassen. Das 2004 initiierte... Blogbeitrag lesen

Schon der morgige Tag gibt sich hin, geboren zu werden (Teil I): Die Darstellungsweise von Müttern ist in Antagonismen eingeschlossen

Ein Beitrag von Kathy Alliou (aus dem Französischen von Inge Hanneforth) In Bezug auf die Mutterliebe antwortete Marguerite Duras ihrem einzigen Sohn: „Es ist die einzige Liebe, die ich als bedingungslos, absolut kenne. Sie hört nie auf. Sie widersteht jedem Sturm. Es gibt nichts, was man dagegen tun kann, es ist schlimm“. Duras war es auch, die am 17.... Blogbeitrag lesen
Robbie Cornelissen, Filmstill: Terra Nova, 2021, Video nach analogen Zeichnungen (Bleistift und Graphitpulver), © Robbie Cornelissen

TERRA NOVA – Robbie Cornelissen: von der Zeichnung zum Film

Wie wird aus Zeichnungen ein Animations-Film (Zeichentrickfilm), und was ist der Vorteil eines Films gegenüber der Zeichnung? Antworten auf diese Fragen kann man in der Ausstellung Terra Nova – Robbie Cornelissen bekommen. Der Künstler (*1954 in Utrecht/NL), lässt seit vielen Jahren großformatige Zeichnungen entstehen, die bis zu 240 cm hoch und 13 m lang... Blogbeitrag lesen